Der Flugplatz in Teltow

Von Wilfried Becker

Am 2. Oktober 1910 wurde der Flugplatz in Teltow gegründet. Das Unternehmen nannte sich »Flugübungsfeld Teltow G.m.b.H« und umfasste das Terrain zwischen Bahnhof, Industriebahn und der Händelstraße.

Das Flugfeld wurde von Adolf Hinrichsen eingezäunt und zum Probebetrieb von Flugapparaten die Flugfeld Teltow-Berlin G.m.b.H. gegründet. Auch die Flugzeugindustrie ließ sich in Teltow nieder. Erste Gründung ist der »Walter Stein Aeroplanbau« in Teltow. Die AEG Abt. Flugzeugbau in Hennigsdorf und in Teltow bei Berlin machte erste Flugversuche. In Johannisthal existierte eine Flugschule für Flugmaschinen der Gebrüder Wright G.m.b.H.

Flugfeld Teltow (Postkarte, Archiv: Heimatverein Teltow)

Auf dem Flugfeld in Teltow wurden 3 provisorische Hangars gebaut. Später wurden noch eine Zuschauertribüne angelegt und der Bevölkerung Flugschauen geboten. Hauptinitiator war Gustav Witte. Der am 21. April 1879 in Rufen Kr. Soldin geborene Briefträger aus Friedenau war ein Flug­amateur. Er hatte sich mit seinem Freund Carl Mohus einen stark beschädigten Flugapparat der Ge­brüder Wright gekauft und diesen aufwendig repariert. Dazu hatte er unter anderem einen neuen 33 PS Motor eingebaut und die Kühlung verbessert. Er brachte sich das Fliegen selbst bei. Am 22. August 1911 flog Gustav Witte von Frankfurt/Oder über Müncheberg und Johannisthal nach Teltow. Mit diesem Flug legte er sein »Flugmaschinenführerzeugnis« mit der Nr. 97 ab und gründete 1912 eine Pilotenschule. Seine Schüler waren vorzugsweise Offiziere der Kavallerie. Im Jahre 1912 waren täglich 5 bis 6 Flugapparate in der Luft. Am 3. März 1912 absolvierte Witte einen Nachtflug über 40 Minuten Dauer.

Eine transportable Gaststätte wurde vom Gastwirt Friedrich Fechner eingerichtet. 1911 wurde eine weitere Flughalle aufgebaut. Neuer Geschäftsführer der Flugfeld Teltow-Berlin G.m.b.H. wurde Dr. Valentin aus Berlin. Er vermietete die Flugzeughallen an die »flugtechnische Abteilung« der AEG. Auf dem Teltower Flugfeld wurde auch das erste AEG Flugzeug mit einem 75 PS Körting Motor getestet. Konstrukteur und Pilot war Ingenieur Paul Stumpf.

Lageplan Flugfeld Teltow (Rekonstruktion: Peter Jaeckel, 2000)

Am 15. März 1912 verunglückte Gustav Witte auf dem Teltower Flugfeld vor einer Gruppe von Schülern aus Lichterfelde. Drei Tage vorher hatte er einen Unfall beim Anwerfen seines Flugzeugs in Johannisthal. Der Heck-Sporn lief über seine Brust, aber er lehnte es ab, einen Arzt aufzusuchen. Er hinterließ eine Frau und drei Kinder und wurde am 19. März 1912 auf dem Lichterfelder Park-Friedhof im Alter von 33 Jahren begraben. Nach dem Tode von Witte wurde die Flugschule von Fluglehrer Hugo Häusler weitergeführt.

Im Sept. 1913 wurde der Ingenieur Erich Schrader Geschäftsführer der Flugübungsfeld Teltow G.m.b.H.

Am 27. Sept. 1912 wurde in Teltow der Welt- und Deutsche Höhenrekord mit 3 Fluggästen bei einer Höhe von 1120 m durch Sablatnig aufgestellt.
Der Union-Pfeildoppeldecker der »Union-Flugzeugwerke« in Teltow bei Berlin erregte im Herbst 1913 einiges Aufsehen, als Dr. Josef Sablatnig mit diesem Flugzeug bei der Herbstflugwoche in Johannisthal mehrere Höhenweltrekorde mit Passagieren flog.
Schon am ersten Tage der Veranstaltung stieg Sablatnig mit zwei Passagieren 2400 Meter hoch und verbesserte damit den deutschen Rekord, den bis dahin Viktor Stoeffler gehalten hatte, um 400 Meter. Zwei Tage später verbesserte er den Höhenweltrekord mit drei Passagieren, worüber eine Berliner Tageszeitung anderntags berichtete: »In einer sehr gleichmäßigen Kurve war er nach 30 Minuten auf 2000 Meter Höhe angelangt, hatte nach weiteren zwölf Minuten den bestehenden Weltrekord erreicht und war nach einundfünfzig Minuten auf 2830 m angelangt. Mangel an Benzin zwang ihn dann, den Abstieg aus dieser Höhe anzutreten, den er in sieben Minuten beendet hatte.« Am 1. Oktober 1913 fügte Sablatnig einen weiteren Weltrekord hinzu, indem er mit vier Passagieren im Rumpf des Union-Pfeildoppeldeckers 2080 Meter Höhe erreichte. Und noch einmal machte der Unermüdliche von sich reden, als er schon zwei Tage danach in 23 Minuten mit 5 Passagieren auf 1000 Meter Höhe kam und damit seinen dritten Weltrekord innerhalb weniger Tage aufstellte.

Im Jahre 1913 wurden in Teltow 1434 Starts durchgeführt. Der Flugplatz stand damit an 4. Stelle in Deutschland. Die Union Flugzeugwerke wurden 1912 gegründet. Sie wurden anfangs von Sablatnig geleitet. Kon­strukteure waren Karl Bomhard und Georg König. Die Werke hatten einen guten Start mit ihrem Pfeil-Doppeldecker. Doch mit dem Ausscheiden von Sablatnig und König ging es wirtschaft­lich bergab. Am 1. Aug. 1916 wurde der Betrieb von den Norddeutschen Flugzeugwerken über­nom­men.

Mit dem Beginn des ersten Weltkrieges verlor das Flugübungsfeld seine wirtschaftliche Bedeutung. Zur Herstellung von Ersatzteilen und zur Reparatur von Flugzeugen waren 1914 die »Norddeutschen Flugzeugwerke G.m.b.H.« gegründet worden. Am 13. April 1915 begutachteten staatliche Ingenieure den Versuchstyp eines 4-motorigen Doppeldecker-Bombers mit dreifachem Seitenleitwerk der Bezeichnung Union G1. Der Firma Union-Flugzeugwerke in Teltow wurde mit­geteilt, dass das von den Herren Karl Bomhard, Dr. Josef Sablatnig und Georg König konstruierte Flugzeug mit 95 km/h Höchstgeschwindigkeit zu langsam sei. Für den Antrieb wurden vier 110 PS-Benz Motoren eingesetzt.

1917 ging die Flugübungsfeld G.m.b.H. in Konkurs. Ende 1917 erwarb der 1879 geborene Ingeni­eur und Kaufmann Robert Mederer aus Berlin den Teltower Flugplatz.
Auf dem Teltower Flugfeld waren nach und nach 5 Hangars, ein Gasthof mit Logis (Patzenhofer) und ein Bürogebäude entstanden. Im März 1918 war eine Halle abgebrannt. Die Flugzeughallen erhielten daraufhin feste Stein­mauern.

Offensichtlich lief das Geschäft mit der kaiserlichen Heeresverwaltung zur Instandsetzung von Flugzeugen recht gut, denn von Sept. 1918 ab begann eine großzügige Erweiterung der Produk­tionsstätten. Bis Januar 1919 entstanden zwei neue Fabrikhallen, ein Maschinenhaus mit Dreherei und Schmiede, ein Verwaltungsgebäude sowie mehrere Lagerhallen. Es wurden 450 Menschen be­schäftigt. Der am 18. Juni 1919 abgeschlossene Vertrag von Versailles schränkte die Produktion von Flugzeugen ein. Bei den Norddeutschen Flugzeugwerken G.m.b.H. Teltow kam es im Sommer 1919 zum Produktionsstillstand. 50 Angestellte mussten entlassen werden.

Im Herbst 1919 versuchte man es mit der Montage von Autos. Robert Mederer ließ hierfür auf dem Gelände des Flugplatzes zwei weitere Montagehallen errichten. Aber es gab nicht den erwünschten Aufschwung. Ab Mai 1920 nannte sich das Unternehmen »Nordflugwerke Teltow«. Auch die Montage von Motorbooten brachte nicht den erhofften Durchbruch.

Briefkopf der Nordflug Werke (Archiv: Heimatverein Teltow)

Ab Sept. 1920 wurden die nicht benötigten Flächen des Flugfeldes als Ackerland genutzt. Einige Lagerhallen wurden zu Stallgebäuden umfunktioniert. Es wurde Vieh gehalten.
Im Sept. 1920 erfolgte die Inbetriebnahme eines Anschlussgleises zu der Industriebahn.
Nun versuchte Robert Mederer im März 1923 den Betrieb in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. 1924 veränderte er diese in »Nordflug-Handelsgesellschaft m.b.H.«
Alle Bemühungen blieben ohne Erfolg.

Herr Mederer entschloss sich im Sommer 1924 zum Abbruch und Verkauf der Fabrikanlagen. Bis 1928 konnte er seine Gläubiger noch hinhalten, dann wurde ein Zwangsverwalter eingesetzt. Mederer entzog sich durch eine längere Urlaubsreise ins Ausland der Verantwortung. Das Hofbank­haus Max Mueller in Gotha erwarb 1929 das Flugplatzgelände und die restlichen Fabrikgebäude. Es veräußerte das Gelände 1930 an die Firma Heinrich Exner in Teltow. Es wurde eine Abbruch AG gebildet und der Flugplatz zur Lagerung von Abbruchmaterialien genutzt.

1934 ging das Gelände in das Eigentum des preußischen Staates über. Man wollte zunächst einen Fliegerhorst für die Luftwaffe einrichten. Die Pläne wur­den nicht realisiert. 1939 erwarb die Deutsche Reichspost das Gelände. Die Bezeichnung lautete: Posteigenes Grundstück Dürerstraße.

In der Ruhlsdorfer Straße wurde ab 1935 das Luftnachrichtenzeugamt erbaut. Leiter war Oberstleutnant Utecht. Im Kriege wurden dringend benötigte Ersatzteile per Kleinflugzeug (Fieseler Storch) vom Flugplatz Teltow aus zu den Reparaturwerften geflogen.
Zwischen Ruhlsdorfer Straße und dem Luftnachrichtenzeugamt wurde zu gleicher Zeit die Blumensiedlung ausgebaut. Hier wohnte auch der Flugingenieur Otto Schlottke, der später auf dem Flugplatz Staaken seinen Dienst als Abnahmeingenieur versah.

Nach dem II. Weltkrieg wurde das Flugplatzgelände landwirtschaftlich genutzt.
Rückblickend kann man sagen, dass eine Reihe von wichtigen Ereignissen zur Entwicklung des Menschenfluges sich im Kreis Teltow abgespielt haben.
1891 absolvierte Otto Lilienthal den ersten Gleitflug eines Menschen auf dem Windmühlenberg zwischen Krielow und Derwitz.

Am 14. Aug. 1901 schaffte der aus Franken stammende Amerikaner Gustav Weißkopf den ersten Motorflug eines Menschen in Bridgeport im Bundesstaat Connecticut USA.

Ab 17.12. 1903 verbesserten die Gebrüder Wright den Motorflug beachtlich. Sie wirkten auf dem 1909 gegründeten Flugplatz Johannisthal mit und stellten flugfähige Flugappararte bereit.

Hans Grade flog mit dem Eindecker Libelle am 17.8.1909 in Bork.
Auf dem Flugplatz Teltow war es Gustav Witte, der als Autodidakt Voraussetzungen für die Aus­bildung von Piloten leistete.

Quellen: G. Duwe, R. Wachs, H. Friedrich, R. Hinte, W. Grebenhof, W. Garisch, H. Roschkowski und H.Schenk »20 Kapitel frühe Luftfahrt« v. G. Schmitt u. W. Schwipps