Aus Teltower »Eiszeiten«

von Peter Jaeckel

In unserer heutigen Zeit mit wohl überwiegend wohltemperierten, zentral beheizten Wohnungen, ja sogar geheizten Verkehrsmitteln und wohl auch nicht mehr so sehr kalten Wintern in unseren Breitengraden kann man sich kaum noch vorstellen, wie das war, als auf dem Teltower See Eis für das ganze Jahr gewonnen und in geeigneten Räumen gelagert wurde.

Eistransport

Noch vor der allgemeinen Industrialisierung Teltows, also vor dem Bau des Teltowkanals, gab es seit 1874 ein Eiswerk, das den damaligen Bedarf an Kühlung für Fleischereien, Restaurants und für einige wenige gut situierte Haushalte decken konnte. Eiswerke befanden sich grundsätzlich in Gewässernähe. So gab es z.B. in Lichterfelde noch mehrere solcher Betriebe. Das Teltower Eiswerk befand sich am Ende der Paul-Gerhardt-Straße in Teltow-Seehof. Die Villa von Karl Kaatsch befindet sich noch dort nur mit veränderter Dachform.

Zur Veranschaulichung der damaligen Situation in Teltow sei hier auszugsweise zitiert aus den »Beiträgen zur Industriegeschichte der Stadt Teltow« von Rolf Münzner und Gisela Piech.

Das Teltower Eiswerk

Am 18. Oktober 1874, noch unter der Regierungszeit des Landrates Dr. jur. Prinz Handjery, errichtete der Bäckermeister August Liepe auf dem gepachteten Anwesen des Max Sabersky in Seehof einen Eisschuppen und ein Stallgebäude. Er bestritt mit dem Handwerk der Eissägerei seinen Unterhalt. Das große, rechteckige Grundstück befand sich an der Grenze zur Feldmark Groß-Lichterfelde. Ringsherum gab es nur unbebautes freies Land. Der Name »Seehof« stammt von einem auf der Feldmark der Stadt Teltow, südöstlich des Weges nach Giesensdorf und südwestlich des Teltower Sees gelegenen Ackergehöft, dass im Jahre 1856 diesen Namen erhielt.

Im Nordwesten des Grundstückes, hinter dem Promenadenweg, lag der Teltower See. In der linken Grundstücksecke, in Seenähe, stand der Pferdestall, diagonal am anderen Ende der große Eisschuppen. Der Rest des Grundstückes wurde als Hof und Garten genutzt. Im Winter, wenn eisige Kälte herrschte, begann man den Lagerbestand aufzufrischen. Die gebrochenen Eisplatten wurden in Blöcke zersägt und im Schuppen gelagert. Den Transport übernahmen die Pferde.

Wind und Wärme führten vom Frühjahr bis zum Herbst zu Eisverlusten. Der Teltower See war im Privatbesitz. Durch seine Nutzung, die vertraglich geregelt werden musste, hatten Fischer und Eissäger ein bescheidenes Auskommen.

Im Oktober 1878 wurde an den Pferdestall, der bereits zu einem Wohnhaus umgebaut war und drei Stuben sowie eine Küche besaß, ein Kontor («Comptoir«) gebaut. Jetzt war Platz für Wohnzwecke und für Büroarbeiten.

Zu dieser Zeit änderte sich das Pachtverhältnis. Es erschien der neue Pächter, Inspektor Karl Kaatsch, beim Magistrat und bat um Rohbauabnahme. Die Sippe Kaatsch war eine alteingesessene Familie aus Giesensdorf, die schon vor der Zeit Napoleons Schafzucht betrieben hatte. Ein Zweig der Familie siedelte sich in Seehof an.

Am 1.7.1888 verband man den Anhalter Bahnhof in Groß-Lichterfelde-Ost mit Teltow. Die Strecke führte zum Ruhlsdorfer Platz; drei Jahre später bis Stahnsdorf. Eine Dampfstraßenbahn, im Volksmund »Lahme Ente« genannt, verrichtete diese Arbeit. Sie fuhr auf der Lichterfelder Chaussee am Anwesen der Familie Kaatsch vorbei. Die erste Begegnung dürfte für Kutscher und Pferde des Eiswagens mit Spannung verlaufen sein.
Das Geschäft mit dem Eis lief gut, denn Karl Kaatsch erweiterte in den folgenden Jahren wiederholt die Eisschuppen. Im November 1889 wurde ein weiteres Ersuchen zur Bauerlaubnis gestellt.

»Bemerken will ich noch, daß ich den beabsichtigten Bau ausführen muß um mich gegen zu große Eisverluste, welche bei der freien und getrennten Lage der Schuppen seither durch Wind-und Wärmeeinwirkung eintraten, zu schützen, sowie daß es mir nicht möglich ist, massive Bauten auszuführen, da ich die Eisnutzung vom Besitzer des Teltower Sees nur auf 10 Jahre gepachtet habe und demnächst sämtliche Gebäude wieder abbrechen muß«,

so äußerte sich Karl Kaatsch.

Es entstand ein großer Komplex von 31,85 x 25,90 m. Der Pferdestall wurde zum Wohnhaus umgebaut. Der alte Eisschuppen war, wie in Seenähe üblich, mit Rohr gedeckt. Dieser Zustand sollte sich ändern. Im September 1891 bekam Karl Kaatsch die Genehmigung, den alten Schuppen abzureißen und an derselben Stelle neu aufzubauen. Er bekam Holzwände und ein »moderneres« Pappdach.

Kaatschvilla, von Julius Assmann (1903)

Im April 1892 wurde von Hermann Kaatsch, dem Sohn, der Antrag gestellt, an das alte Wohnhaus einen massiven Anbau vorzunehmen. Karl Kaatsch unterschrieb bis zum April 1900 noch einige Schreiben. Während dieser Zeit wies der Senior den Junior in die Geschäfte ein, der das Glück hatte, in der allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungphase in Deutschland den Betrieb zu übernehmen. Der Anbau schuf Platz für den Sohn. Der bestand aus zwei Stuben, einer Küche und einem Flur, die mit dem alten Wohnhaus verbunden waren. Im August wurde der Rohbau vollendet. Bis in das Jahr 1896 gab es auf dem Grundstück bauliche Erweiterungen und Änderungen.

Am 2. November 1896 erfolgte in Seehof über Lichterfelde der Anschluss an das Berliner Gasnetz. Die Stadt Teltow bekam eine Gaslicht-Straßenbeleuchtung, etwa zwei Jahre später fließendes Wasser. Ein Vertrag vom 11. April 1899 mit der Gesellschaft »Charlottenburger Wasserwerke« sicherte den Anschluss an das Trinkwassernetz. Darauf erfolgte im Herbst des Jahres 1906 der Bau der Schmutz-und Regenwasserkanalisation.

Am 28. August 1900 musste Hermann Kaatsch, der nun die Geschäfte allein tätigte, einen neuen Schuppen errichten, da die »Produktionsstätte« durch Feuer vernichtet wurde. Möglicherweise kam die Freiwillige Feuerwehr Teltow nicht rechtzeitig zu Hilfe, die sich ein Jahr zuvor im Gasthaus »Schwarzer Adler« gegründet hatte.

»An Stelle des abgebrannten Eisschuppens auf meinem, von Herrn Max Sabersky gepachteten Grundstück in Seehof am Teltower See, beabsichtige ich einen neuen Schuppen zu errichten. Das Gebäude soll massiv unter Pappdach nach Maßgabe der beigefügten Zeichnung erbaut werden«,

so schrieb Hermann Kaatsch an den Magistrat. Die Rohbauabnahme des neuen Schuppens erfolgte rechtzeitig, bevor die neue »Eiszeit« eintrat. Der Eisschuppen stand jetzt näher am Teltower See. Hermann Kaatsch plante einen Aufzug. Den Antrag dafür stellte der Maurer-und Zimmermeister Julius Assmann aus Groß-Lichterfelde. Er schrieb am 5. November 1900 an die Polizeiverwaltung Teltow:

»Nach beifolgender Zeichnung soll für den Eiskellerbau des Herrn Hermann Kaatsch in Seehof ein Aufzug zum Hereinschaffen des Eises aus dem See nach dem Eishause mit Kettenzug für Pferde erbaut werden, ebenso eine Waschküche.«

Geländezeichnung, von Julius Assmann (1903)

Vom Eisschuppen führte ein 3,40 m breiter »Eiskanal« zum See. Das Eis wurde im See gebrochen, dort in Platten gesägt und in den Eiskanal gezogen. Der Aufzug bestand aus einem Gerüst mit festen und losen Rollen und besaß zwei Hebelvorrichtungen, die wechselseitig durch Pferde betrieben wurden. Das Eis lagerten die Arbeiter in den Räumen des Schuppens. Kunden waren hauptsächlich Fleischereien, die bei Bedarf mit einem Pferdefuhrwerk beliefert wurden. Am Teltower See gab es mehrere Eissägereien auf Groß-Lichterfelder Gebiet.

Am 16. Januar 1903 stellte Hermann Kaatsch einen Antrag zur Errichtung eines neuen Wohnhauses und bat um Ansiedlungsgenehmigung:

»Unterzeichneter bittet ganz ergebenst den wohllöblichen Magistrat zu Teltow die Ansiedlungsgenehmigung für ein neu zu errichtendes Wohnhaus auf meinem Grundstücke in Seehof gütigst erteilen zu wollen. Da bereits auf meinem Nachbargrundstücke Wohn-und Wirtschaftsgebäude errichtet sind, so bitte ich den wohllöblichen Magistrat mein Gesuch baldgefälligst genehmigen zu wollen.«

Es gab keine Einwände, weder vom Magistrat noch vom »Königlichen Landrath des Kreises Teltow«. Schließlich musste noch die Teltowkanal-Bauverwaltung das Gesuch prüfen, da die Arbeiten am Kanal voll im Gange waren. Im Februar 1903 kam mit dem Bauschein die Zustimmung, so dass mit dem Neubau begonnen werden konnte. Seehof wurde eine Siedlung.

Der Kanalbau blieb für die Seenutzer nicht ohne Folgen. Die Menschen waren sich des gewaltigen Eingriffs in den natürlichen Lebensraum nicht im vollen Aus­maß bewusst. Lediglich Veränderungen im eigenen Alltag wurden wahrgenom­men. Der Wasserspie­gel am Anwesen der Eis­sä­ge­rei senkte sich um 0,90m. Her­mann Kaatsch mußte den Eis­transport verändern.

Er schrieb am 4. Okto­ber 1904 an den Magistrat:

»Anstelle des vorhandenen Eis-Aufzuges soll auf meinem Pachtgrundstücke in Seehof, Herrn Sabersky gehörig, ein Paternoster-Werk errichtet wer­den; ich bitte den wohllöblichen Magistrat hierdurch gü­tigst genehmigen zu wollen.«

Der Eis-Elevator, wie die richtige technische Bezeichnung lautet, war notwendig, um vier Meter Höhenunterschied zum Eisschuppen zu überwinden. Die Strecke vom Wasser bis zum Schuppen betrug etwa 30 m.

Das alte, erweiterte Wohnhaus, an dem sich der Stall befand, wurde abgerissen und ein größerer Eisschuppen massiv an den alten gebaut. Die Arbeiten hierzu begannen Ende Mai 1905. Der neue Eisschuppen bekam im Juli ebenfalls einen Elevator. Somit konnte beide Schuppen vom See her mit Eis gefüllt werden.

Der Wasserweg des Teltowkanals befand sich in der Planung und die anliegenden Bauten wurden in die Gestaltung einbezogen. Vor dem Eiswerk besaß der Teltowka­nal eine Ausbuchtung, um die Eisgewinnung zu sichern sowie die Frachtschiffahrt nicht zu gefährden. Das andere Ufer war ebenso gestaltet, da sich dort die Kadetten­schwimmanstalt befand. Im Jahre 1872 wurde die Kadettenanstalt von Berlin nach Lichterfelde verlegt. Die Kadettenschwimmanstalt, etwa 2 km südlich von der Hauptkadettenanstalt, war für die Körperertüchtigung gedacht. Beide Ausbuchtungen wurden längsseits des Kanals durch eine schmale Brücke, die »Leinpfadbrücke«, überspannt, so daß die »künstlichen Seen« überquert werden konnten.

Von diesen Übergängen, alle mit der gleichen Bezeichnung, gab es acht. Sie dienten zur Überbrückung der Stichhäfen am Kanal. So gab es z.B. noch eine an der Elberfelder Papierfabrik in Zehlendorf und am Marienfelder Gasanstaltshafen.

Im Oktober 1908 baute Hermann Kaatsch in der Nähe des Wohnhauses ein »Wiegehäuschen«. Jetzt konnte das Fuhrwerk mit dem Eis gewogen werden. Im Juli 1910 lief das Eisgeschäft immer noch gut, so daß der Eisschuppen abermals erweitert wurde.
Nach Aussagen von Ernst Eichelkraut sen. existierte das Eiswerk noch bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges. Dieses bestätigte Helene Kaatsch, die Enkeltocher von Hermann Kaatsch. Etwa Ende der zwanziger Jahre wurde das Eis nicht mehr im »See« gesägt. Mit der Entwicklung von Tiefkühlmaschinen, begann die Herstellung von künstlichem Eis. Die Berliner Elektrizitäts-Werke AG übernahm diese Produktion. Der Teltower Eiswerkbesitzer war nun von der Jahreszeit unabhängig. Wenn Bedarf war, konnte Kunsteis bezogen werden. Hermann Kaatsch, später sein Sohn Fritz, übernahmen den Eistransport zu den Verbrauchern. Dazu gehörten nun auch Privathaushalte, in denen es Kühlschränke gab, die mit Eis betrieben wurden. Erst fuhr man das Eis noch mit dem Pferdefuhrwerk, später mit dem Lastauto aus.

Die Familie Kaatsch wohnte bis 1936 in Seehof. Den Betrieb gab Fritz Kaatsch im Jahre 1939 auf.

Quelle:

  • Rolf Münzner u. Gisela Piech; Beiträge zur Industriegeschichte der Stadt Teltow.
  • Dr. Schleusener; Lageplan und Zeichnung für den Neubau des Wohnhauses 1903 von Julius Assmann.