Badeanstalt am Teltowkanal

Kennen Sie noch diesen Ort?
von: Rudolf Jaeckel

Schon im Jahre 1907, also im Zusammenhang mit dem Teltowkanalbau, ist die Badeanstalt angelegt worden, vielleicht zum Trost für die Teltower Einwohner, die ihren Teltower oder Hegesee, wie er auch hieß, verloren hatten, da er dem Kanal weichen mußte.

Badeanstalt am Teltowkanal im Jahre 1936.

Die Anlage befand sich am Schützenplatz, was man aber auch erst erklären muß, denn diese Ortsbezeichnung gibt es schon lange nicht mehr. Also versuchen wir es anders: an der Fritz-Schweitzer-Brücke. Aber auch das hilft nicht weiter, denn diese ist ebenfalls verschwunden. Letzter Erklärungsversuch also, für heutige Teltower: im Bereich der Kanalaue, ungefähr in Höhe des Diakonissengeländes gegenüber der Einmündung des auf der Berliner Seite befindlichen Industrie-Stichkanals.

Das Bild läßt ungefähr erahnen, worum es sich handelt: eine quadratische Aus­buchtung von etwa 20 mal 20 m, die direkt mit dem Teltowkanal in Verbindung stand. Zur Kanalseite hin war sie durch die Treidelbahnbrücke abgegrenzt, eine Holzkonstruktion, unter der ziemlich niedrige Durchlässe das Hinausschwim­men zwar ermöglichten, aber praktisch doch nicht gestatteten, weil der Schiffs- und Treidelbahnverkehr einige Gefahren mit sich brachte. Es war also offiziell verboten, wurde aber, wenn keiner hinsah, doch versucht. An den Seiten rechts und links waren Holzstege angebracht, auf denen die Umkleidekabinen standen. An der »Landseite« ging es flach hinein und blieb bei ungefähr 1 m Tiefe. In der Mitte war eine Kette quer hinüber gespannt, hinter der der Schwimmerteil lag, dort konnte man nicht mehr stehen. Um das ganze herum war eine Liegewiese, die von einem mehr oder weniger löcherigen Zaun umgeben war; an einer Ecke war das Kassenhäuschen, denn man mußte ein paar Groschen Eintritt bezahlen. Der Zugang zur Badeanstalt war am Rande des Wäldchens, das das Schützenhäuschen mit dem Schießstand umgab, von der Lichterfelder Straße (heute Lichterfelder Allee) her, etwa 100 m vor der Stelle, wo die beiden von Seehof kommenden Fahrbahnen sich zu einer vereinigen. Man erkennt auf dem Foto übrigens im Hintergrund die Gebäude der Spinnstoffabrik Zehlendorf mit ihrem Schornstein.

Das Bad war von Anfang an etwas problematisch, war doch der Teltowkanal beileibe nicht mehr ein idyllisches Gewässer wie der Teltower See, an dem es im 19. Jahrhundert bereits ein »Ägir-Bad« gegeben hatte, sondern eine viel befahrene Wasserstraße, an der zahlreiche Industriebetriebe lagen; Schiffahrt und Industrie haben natürlich zur Wasserverunreinigung beigetragen, so daß also auch das Wasser im Bad nie sehr sauber war; die Holzpfosten hatten einen dicke, grünen Algenbewuchs. Aber es war nun mal das einzige Sommerbad in der Nähe, und so wurde es hauptsächlich von Kindern und Jugendlichen viel benutzt. Es wurde auch Schwimmunterricht erteilt.

Und wo ist nun die ganze Herrlichkeit geblieben? Als während des Zweiten Weltkrieges nicht nur nachts, sondern ab 1943 auch am Tage Luftangriffe befürchtet werden mußten, konnte man sich nicht mehr dorthin wagen, da keine Luftschutzräume in der Nähe zur Verfügung standen, so daß schon damals der Verfall begann. Dann kam das Kriegsende. In den letzten Apriltagen 1945 wurden die Teltowkanalbrücken, darunter auch die Fritz-Schweitzer-Brücke, die sich in unmittelbarer Nähe des Bades befand, gesprengt. Es kam dann bald darauf in dieser Gegend zu heftigen Kampfhandlungen; durch Artilleriebeschuß des Kanaluferbereichs wurde eine dort weidende Schafherde getötet; die toten Tiere lagen noch tagelang im Gelände und auf der ehemaligen Liegewiese. Dann bauten sowjetische Pioniere neben der zusammengebrochenen Brücke dicht über der Wasseroberfläche die erste hölzerne Notbrücke über den Kanal, über die dann die weitere Besetzung von Berlin vonstatten ging. Im Juli 1945 kamen die West­alliierten nach Berlin, die damals mit den sowjetischen Truppen noch eine gewisse Kooperation pflegten. Die sah für unsere Gegend so aus, daß den Amerikanern gestattet wurde, von Lichterfelde Süd her die Lichterfelder Straße entlang zu fahren und ihren ganzen Müll, der hauptsächlich aus leeren Büchsen und Flaschen bestand, von der Straße her den Abhang hinunter auf die tiefer liegenden Wiesen zu schütten und dann über die Notbrücke nach Berlin zurückzufahren. Das geschah mehrmals täglich. Der Anblick und der Geruch waren entsetzlich.

Nachdem die Gegend nun so richtig verschandelt war, hatte niemand mehr Lust, das einstige Schwimmbad zu reaktivieren. Die Seehofer Kinder und Jugendlichen hatten übrigens nach dem Kriege eine neue Bademöglichkeit entdeckt: eine Luftmine war 1944 auf die Kanalböschung zwischen Hannemannstraße und Hauffstraße aufgeschlagen und hatte einen »Strand« geschaffen. Da nach 1945 die Schiffahrt auf dem Kanal unmöglich geworden war und auch die Industrie noch nicht wieder arbeitete, war der Kanal relativ sauber und somit zum Baden wieder geeignet.

Sehr beliebt war auch eine Badestelle, die links von der Fritz-Schweitzer-Brücke entstanden war. Auch dort war nach der Sprengung der Brücke und bei den Kampfhandlungen eine sandige Badestelle entstanden, wo man ein paar Schritte in das Wasser laufen konnte. Ganz mutige übten sich im Springen aus den Trümmern der Brücke, was natürlich sehr gefährlich war.

Ab 1963 wurde dann am Kanal entlang das »Grenzgebiet« an der Stadtgrenze, nunmehr Staats­grenze, zu Berlin errichtet, wodurch es jahrzehntelang nicht mehr möglich war, den Ort des einstigen Bades zu sehen. Seit 1989 kann man nun wieder hingehen, es ist aber nur noch eine unregelmäßig geformte Aus­buchtung am Kanal erkennbar.

Fotos: Frau Kischitzki (Tochter von Heinz Kämpf)