Eine Stockgeige im Heimatmuseum

von Anna Pehrs

Ein ganz besonderes Exponat des Heimatvereins Teltow ist die Stockgeige. Aus dem Nachlass des Teltower Musiklehrers Otto Schweizer stammend blieb sie in Familienbesitz, als die Rote Armee 1945 alle Musikinstrumente Schweizers beschlagnahmte, da sie von außen wie ein dicker Spazierstock aussieht.

Stockgeige geschlossen, Foto: Anna Pehrs

Dreht man jedoch den Griff ab und entfernt die Abdeckung, entdeckt man darunter eine voll funktionsfähige Geige. Der gesamte Spazierstock ist bis in die Spitze hohl und dient als Resonanzkörper. Der Steg, über den die Saiten verlaufen, muss vor jedem Spiel neu aufgerichtet werden und hat deshalb an der Unterseite besonders abgerundete „Füßchen“. Nach dem Spiel wird er vorsichtig wieder unter das Griffbrett geschoben. Die Wirbel, an denen die Saiten aufgezogen und gestimmt werden, sind nicht wie üblich aus Ebenholz, sondern sind kurze Metallstifte, ähnlich wie die Wirbel bei einem Klavier, die mittels eines kleinen Stimmschlüssels gedreht werden können. Dieser nur etwa 5 cm lange Stimmschlüssel wird zusammen mit dem Bogen im Innern des Resonanzkörpers der Geige aufbewahrt. Der Bogen ist etwas zierlicher als gewöhnlich, unterscheidet sich aber im Wesentlichen nicht. Der Griff wird nach dem Entfernen der Abdeckung wieder angeschraubt und dient als Kinnhalter.

Stockgeige geöffnet und spielbereit, Foto: Anna Pehrs

Dann steht dem Spielvergnügen in der Natur nichts mehr im Wege, denn dazu sind ab Ende des 18. Jahrhunderts solche Stockinstrumente entwickelt worden. Außer Stockgeigen gab es nachgewiesen auch Stockklarinetten, -blockflöten und -querflöten. Der Dichter Ludwig Uhland schrieb in einem Gedicht: “Von seinem Wanderstabe\ schraubt jener Stift und Habe\ und mischt mit Flötentönen\ sich in des Hornes Dröhnen”.

Ehrlicherweise müssen wir zugeben, dass die Töne unserer – wie auch jeder anderen – Stockgeige in des Hornes Dröhnen untergegangen wären, der verhältnismäßig kleine Resonanzkörper lässt doch nur ein eher bescheidenes Klangspektrum zu. Auch das Spiel ist aufgrund der Bauart und der Gewichtverteilung schwerer als auf einer herkömmlichen Geige. Um eine Picknickgesellschaft oder die Angebetete zu beeindrucken ist so ein Instrument durchaus geeignet und hat seine Wirkung bestimmt nicht verfehlt.

Unsere Stockgeige wurde vermutlich in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland gebaut und ist sehr gut erhalten (ein baugleiches Instrument wird auch im Musikinstrumentenmuseum Berlin ausgestellt), es mussten lediglich die Saiten und die Haare des Bogens, also Verschleißteile, erneuert werden.

Der Geiger Jascha Heifetz spielt auf einer Stockgeige (USA 1924, Library of Congress)