Eine Schülergeschichte aus Teltow

Eine Schülergeschichte aus Teltow im Jahre 1940
von Rudolf Jaeckel (2006)

Die Begebenheiten, von denen ich hier berichten will, liegen nun über 65 Jahre zurück, man könnte aber auch glauben, dass sich die Dinge im Kaiserreich im 19. Jahrhundert zugetragen haben könnten.

Teltow hatte 1940 zwei Schulen; die Alte Schule in der Potsdamer Straße und die Neue Schule am Rande der Musikersiedlung südlich der Mahlower Straße. Ich besuchte seit dem Umzug meiner Eltern von Lichterfelde nach Seehof die Alte Schule, die von Seehof aus immerhin mit der Straßenbahn zu erreichen war. Anfangs, Ende 1938, herrschten dort ganz normale Verhältnisse, was sich mit Kriegsbeginn, 1. September 1939, aber schlagartig änderte: die jüngeren Lehrer wurden zum Wehrdienst eingezogen, Ersatz, etwa Lehrerinnen, gab es nicht. So wurden dann die ohnehin ziemlich starken Parallel-Klassen einfach zusammengelegt und den verbliebenen alten Lehrern überlassen.

‚Alte Schule‘ mit dem 3. Anbau vor der Zerstörung im 2. Weltkrieg (Postkarte, Archiv: Heimatverein Teltow)

Es gab Klassenstärken von über 70 Schülern in einem Raum, der für höchstens 35 Schüler ausgestattet war. Man saß zu dritt in den Schulbänken, auf Stühlen ohne Tische, auf Fensterbrettern und am Fußboden, wo immer es ging. Die alten Pauker waren dieser Aufgabe nicht mehr gewachsen, es herrschte Lärm und Unruhe, gelernt hat kaum jemand etwas.

Und das schlimmste war, die Lehrer prügelten mit dem Rohrstock. Ein Tag im Frühsommer 1940 wird mir immer plastisch im Gedächtnis bleiben, weil mich die Ereignisse damals sehr erschüttert haben.

Ich hatte in der fürchterlichen Enge einen Banknachbarn, mit dem ich mich im Laufe der Zeit angefreundet hatte. Er hieß Günter D., war der Sohn einer alleinstehenden Frau in der Altstadt, einen Vater habe ich jedenfalls nie gesehen, die in einer der Teltower Fabriken arbeitete, wobei sie aber auch nicht viel verdiente.

Günter war ein fröhlicher elfjähriger Junge, nicht gerade der beste Schüler, nicht dumm, aber meistens ein bisschen faul und hatte immer irgendwelche Dummheiten und Streiche im Kopf. Wie gesagt, wir hatten uns angefreundet und zogen nach Schulschluss durch Teltow, an den Kanal, zum damals noch intakten Hafen und an alle möglichen interessanten Plätze wie Postamt, Kino usw.). Günter war ein prima Freund, zwar arm wie eine Kirchenmaus, aber er teilte mit mir jeden Apfel, jeden Groschen, was natürlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Aber, da war eben dieser Hang zu dummen Streichen, der ihm zum Verhängnis werden sollte.

Eines Tages, es war die letzte Unterrichtsstunde, haspelte Lehrer Greifelt in seiner langweiligen Art irgendwelche grammatischen Weisheiten zum hundertsten Male vorn an der Tafel ab. Mein Freund Günter drehte derweil Papierkügelchen und schoss diese immer mal wieder an die Tafel, wie schon so oft. Plötzlich drehte sich Greifelt um und erwischte ihn dabei, wie er wieder ein Kügelchen abschoss. Wütend kreischte der Pauker los: D., komm nach vorn! Günter wusste, was das bedeutete. Es gab Prügel. Das passierte bestimmen Mitschülern, die notorisch faul und frech waren, zwar fast jeden Tag, wobei die Prügelstrafen je nach Schwere der Missetat in gestaffelter Härte verabfolgt wurden.

Mädchen wurden mit dem Lineal auf die Hand geschlagen, Jungen bekamen Schläge mit dem Rohrstock auf den Hintern, in zugemessener Anzahl (willkürlich) und verschiedenem Härtegrad: mit der Hose an, ohne Oberhose mit Unterhose, in besonders krassen Fällen, auf den nackten Hintern.

Greifelt deutete auf die vorderste Bank, Günter musste sich darüber legen und die Hose runterlassen, so dass er dem Pauker seinen Hintern in der Unterhose präsentieren musste. Günter war ein kräftiger Junge und bestimmt kein Angsthase, aber er war kreidebleich, als er nach vorn musste. Greifelt nahm den Rohrstock, zielte genüsslich und schlug zu. Beim ersten Schlag zuckte Günter zusammen, biss aber die Zähne zusammen und ließ keinen Ton hören. Beim zweiten Schlag hörte man ein Stöhnen, beim dritten fing er an zu schreien und nach dem fünften heulte er laut und hemmungslos – hatte tapfer sein wollen und es nicht geschafft! Als er aufstand aus seiner schimpflichen Stellung, sah man, dass die Unterhose vorn nass war, er hatte sich vor Angst und Schmerz bepinkelt. Er bemerkte das jetzt erst, riss seine Hose nach oben, zumal die nasse Unterhose ziemlich durchsichtig geworden war. Dann kroch er auf seinen Platz neben mir, legte den Kopf auf den Tisch und weinte immer mehr, aus tiefster Seele, wie ein Kleinkind. Wir saßen wegen der Enge so dicht bei einander, dass ich seine Erschütterungen hautnah mitbekam.

Wie konnte ich ihm helfen? Ich nahm schließlich seine Hand, die er um die Tischkante gekrallt hatte und drückte meine fest darauf, ein tränenverschmierter dankbarer Seitenblick war die Antwort.

Er war vollkommen in seinem Jungenstolz zerstört. Schließlich ist ein Elfjähriger ein „großer Junge“, der vor andern nicht heult, und außerdem hatten natürlich einige Mädchen (es war eine gemischte Klasse) gekichert und ihre Kommentare abgegeben („ …hii, der hat eingepullert …“). Günter schlich an diesem Tag sehr kläglich nach Hause, stinkend und nass, die Hose bepinkelt und das Hemd nass geheult, ich durfte ihn nicht begleiten, er verkroch sich schleunigst in der Wohnung.

Die nächsten Tage verliefen normal, er war sehr still und blass, es wurde nicht viel geredet. Nach ein paar Tagen, noch in derselben Woche sagte er nach Schulschluss zu mir: Komm mit, ich zeig dir was! Wir nahmen unsere Fahrräder, die wir auf dem Schulhof hatten, und fuhren rechts den Weinbergsweg hinunter, am Friedhof vorbei, bis auf die Hollandwiesen. Auf den Wiesen ging es durch ein Gewirr von kaum erkennbaren Wegen bis zu einem großen Gebüsch, durch das an einer Stelle ein Trampelpfad führte. Hinter dem Gebüsch tat sich eine Wiese mit einem länglichen betonierten Wasserbecken in der Mitte auf. Rings um die Wiese war Buschwerk. In und an dem Wasserbecken amüsierten sich zwanzig bis dreißig nackte Jungs verschiedenen Alters, etwa von 8 bis 16 Jahren, weitere lagen in der Sonne auf der Wiese bzw. auf grasbewachsenen Erdhügeln rings­herum. Er raunte mir zu: los zieh dich aus und stand im nächsten Moment schon selbst nackt da. Er warf eine alte Decke, die er am Rad gehabt hatte, auf die Wiese und schon gehörten wir dazu.

Langsam begriff ich was los war. Er hatte mir den geheimen, nur Eingeweihten bekannten Bade-und Spielplatz der Altstadtjungs gezeigt, was sehr ungewöhnlich war, denn ich war ja kein richtiger Teltower, sondern erst vor 1 ½ Jahren nach Seehof zugezogen, also eine große Ehre.

Es war eine geschlossene Gesellschaft Mädchen wurden nicht geduldet, Badehosen auch nicht. Dort auf der Wiese in der Frühjahrssonne wurde er wieder der Alte. Das erste, was er zu mir sagte war: bekiek dir doch mal meinen Hintern, ob noch was zu sehen ist. Es beruhigte ihn sehr, dass das nicht der Fall war, denn er befürchtete, dass andere, die das Drama in der Klasse nicht mit erlebt haben, ihn hänseln könnten wegen des verdroschenen Hintern.

Und dann kam das eigentliche klärende Gespräch.“ Mensch, ich hab doch nicht gewusst, dass ich so doll heulen muss, wenn der mir mit dem Stock den Arsch verhaut. Ich wollte das doch so durchstehen.“ Das war es also, es hatte ihn noch nie vorher ein Erwachsener geschlagen, und er hatte erfahren müssen, dass er seinen Körper nicht mehr im Griff hatte. Er wollte doch tapfer sein, und es ging nicht!) „Und dann hab ich mich noch bepisst vor den Weibern. Mann, hab ich mich geschämt.“

Ich habe ihn dann gefragt, ob er glaube, dass es mir und anderen anders ergangen wäre. Er solle sich doch in der Runde unter all den nackten Jungs umsehen und mir sagen, ob er glaubt, dass einer das durchgestanden hätte. Die Burschen sahen alle sehr menschlich und nicht heldenhaft aus, und er war dann wirklich getröstet und meinte, er sei wohl doch keine Memme.

Wir haben noch manche Sonnenstunden auf der „geheimen Wiese“ verbracht. Im nächsten Jahr trennten sich unsere Wege, da ich auf eine andere Schule kam. Ich habe ihn nie wiedergesehen und weiß nicht mal, ob er noch lebt. Er bleibt für mich in guter Erinnerung, auch als Opfer einer entwürdigenden Prügelpädagogik, die noch 1940 in Teltow geübt wurde.