Das tragische Ende einer Edelfrau aus Ruhlsdorf

von Frank-Jürgen Seider

Eleonore Sophia geborene von Stockheim hätte gut die Hauptfigur in einem Roman von Theodor Fontane abgeben können. Wahrscheinlich ist ihm das Leben dieser Frau bei seinen Wanderungen durch unsere Gegend nicht zu Ohren gekommen. Deswegen wollen wir hier ihr Schicksal aus den dürftigen aber prägnanten Geschichtsquellen wiedergeben. Was nicht aufgedeckt werden konnte – wie sie in die für sie folgenschwere Lage geriet und warum ihr Leben schließlich so aussichtslos endete. Das wird weiterhin im Dunkel der Geschichte verborgen bleiben.

Als hauptsächliche Quelle der Überlieferungen dient das älteste Ruhlsdorfer Kirchenbuch. Darin ist das Folgende zu finden:

Eleonora Sophia wuchs als älteste Tochter des Georg Ernst von Stockheim in Ruhlsdorf auf. Ihr Vater war Obristlieutenant unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und der erste Rittergutsbesitzer auf Ruhlsdorf, ihre Mutter eine geborene von Britzke.

Sie taucht in dem besagten Kirchenbuch in der Zeit zwischen 1665 bis 1673 als Patin von in Ruhlsdorf geborenen Kindern auf. Auffallend dabei ist die große Anzahl ihrer Patenschaften und besonders, dass sie häufig bei den Untertanen vom Gutshof, selbst bei einem Hirten, eingenommen wurden. (Ein halbes Jahrhundert später kamen derartige adlige Patenschaften bei dem Gesinde überhaupt nicht mehr vor, es war unter der Würde dieses Standes).

Heute würde man der Eleonora Sophia eine fromme, christliche, besser noch karitative Haltung bescheinigen. Genau im Jahre 1673 hören ihre Patenschaften in Ruhlsdorf auf. Sie heiratet in demselben Jahr den Rittmeister Gottfried von Haacke und wohnt von da ab auf dessen Lehngut Genshagen. Eleonora stand um diese Zeit etwa im Alter von 25 Jahren.
Ihr Gatte muss nach den Angaben der Familiengeschichte von Haacke bereits über 55 Jahre alt gewesen sein, beging mit Eleonora seine dritte Ehe und brachte sieben Kinder aus den vorangegangenen Bindungen mit ein.

Die Kinderzahl erhöhte sich alsbald um zwei Mädchen. Jedoch konnte sich die junge Mutter nur auf die Zeit von 5 Jahren in einer kompletten Familie erfreuen. Schon im Jahr 1678 verstarb der Rittmeister von Haacke und hinterließ seine noch junge Witwe. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Noch im gleichen Jahr starb eines ihrer beiden Mädchen. Drei Jahre später verlor sie ihr zweites Kind. Alle diese Angaben stammen aus den kirchlichen Aufzeichnungen von Genshagen.

Ein letztes Mal taucht Eleonora Sophia, Witwe von Haacke im Kirchenbuch von Ruhlsdorf auf. Unter dem Datum vom 19. August 1684 steht geschrieben:

„… ist alhier in Ruhlsdorf begraben worden Eleonora Sophia von Stockheim, welche wegen des am 4. Februar des gleichen Jahres begangenen Kindermordes in Berlin mit dem Schwerdte gerichtet worden.“

Mehr über diesen Fall verrät die sogenannte Wendlandsche Chronik von Berlin aus der Zeit von 1648 bis 1701. Darin stehen folgende Nachrichten über ihr weiteres Schicksal.

Nachdem ihr Ehemann und Rittmeister verstorben war, ließ sich die Witwe Eleonora Sophia von einem Edelmann, namens von Röbel, beschlafen. – Nach Recherchen muss es sich um Christian von Röbel auf Hohenschönhausen gehandelt haben, der zu dieser Zeit mit Gottlieb von Krummensee verheiratet war und mit ihr drei Söhne hatte. – Weiter steht in der Wendlandschen Chronik, dass Eleonora das neugeborene Kind aus der Beziehung mit dem von Röbel umbrachte, auf einem Tisch klein hackte und anschließend unter den Schweinetreber mengte. Eine Magd hatte sie jedoch entdeckt und verraten.

Nachdem ihr im August 1684 der Prozess gemacht wurde, kam es dann zu der bereits oben erwähnten Hinrichtung vor dem Rathaus in Cölln. Eigentlich stand zu dieser Zeit auf Kindesmord die Bestrafung durch „Sacken“. Eine Hinrichtungsart, bei der die Delinquentin in einen Sack eingenäht und in die Spree geworfen wurde. Der Hintergrund dieser grausamen Tötung bestand in der Abschreckung, weil Kindesmord in dieser Zeit in hohem Maße auftrat. Es ist anzunehmen, dass man die Witwe von Haacke aufgrund ihres Standes begnadigte und die Strafe zur Hinrichtung mit dem Schwert abmilderte.

Eleonora Sophia fand ihre letzte Ruhe auf dem alten Kirchhof in Ruhlsdorf neben ihrer Familie. Die Bestrafung des Sackens ließ übrigens Friedrich der Große während seiner Regentschaft abschaffen. Ob die Abschreckung nicht mehr nötig war, weil die meisten unglücklichen Frauen andere Wege aus ihrer aussichtslosen Lage fanden, das wird hoffentlich der wahre Grund für die Abschaffung gewesen sein.

Kein Bild des Grabsteines